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Elektronische Musik in den 50er und 60er Jahren

In einem elektronischen Land vor unserer Zeit

Wenn es um die Geschichte der modernen elektronischen Musik geht, fällt meist als erstes der Name Kraftwerk. Manchmal wird auch die ein oder andere Krautrock-Band wie die Projekte von Klaus Schulze oder Bands wie Cabaret Voltaire oder Throbbing Gristle ins Spiel gebracht. Dass diese Künstler nicht aus dem Nichts kamen und es also auch elektronische Musik lange vor den 70er-Jahren gegeben hat, wird gern ausgeblendet.

Dabei wird’s gerade in der Zeit vor den bekannten Pionieren äußerst interessant und vor allem: skurril. Zum besseren Verständnis muss man sich einfach mal vor Augen führen, dass in den 50er-Jahren die elektronische Klangerzeugung ein ganz neues Konzept war. Technik wurde bis dahin zur Verstärkung genutzt. Elektronische Instrumente waren noch im Experimentalstadium und/oder sehr primitiv. Rein elektronische Musik lag noch jenseits der gängigen Vorstellung.

Neue Musik from outer space

Die tatsächlichen Wegbereiter dieser neuen Musik waren E-Musiker. Karlheinz Stockhausen etwa experimentierte in dem 1951 gegründeten „Studio für Elektronische Musik“ an seiner Seriellen Musik herum. (Kraftwerk waren übrigens seine Schüler.) In diesem Studio entwickelte man Klänge unter anderem mit Rauschgeneratoren und Filtern, später auch mit Sinus-Ton-Generatoren – die Grundlage zur Erzeugung künstlicher Klänge, also der Vorstufe zum Synthesizer. Stockhausens Stück „Kontakte“ aus den späten 50er-Jahren könnte aus einem Elektro-Club stammen, lediglich der Beat fehlt. Die neuen Geräte fanden zunächst – neben der E-Musik – vor allem in Soundtracks Verwendung und da natürlich in Science-Fiction-Filmen. Louis & Bebe Barrons „Forbidden Planet“ ist dafür ein gutes Beispiel. Der Original-Score ist von 1956! Relativ bekannte Serien wie „Twilight Zone“ wurden mit den neuen Klängen unterlegt. Der Jahrzehntewechsel von den 50ern zu den 60ern brachte schließlich den Durchbruch. Nun experimentierten Musiker wild und probierten ungewöhnliche Ideen aus.

Skurrilitätenkabinett

Dafür gibt es zahlreiche Beispiele: Der Produzent Joe Meek war Visionär, was heutige Effekte und Studiotechnik angeht. Bekannt wurde er durch „Telstar“ von den Tornados. Aber bereits 1959 nahm er „I Hear A New World“ unter Einsatz damals modernster Technik auf. Die EP sollte ein Gruß an die außerirdischen Völker sein, auf die der kurz zuvor gestartete Satellit Sputnik treffen könnte. Und so hört es sich auch an: Schlümpfe auf Speed!

Raymond Scott war Toningenieur und Bandleader. Ihn interessierte aber mehr die Erfindung elektronischer Instrumente. Als Meilenstein gelten seine drei Platten „Soothing Sounds For Babys“ (Vol. 1: 0–6 Monate, Vol. 2: 6–12 Monate, Vol. 3: 12–18 Monate): elektronische Schlaflieder inklusive erklärendem Beiheft für Säuglinge in den ersten Lebensmonaten. Das lässt eher an heutige verspielte Clicks-&-Cuts-Sounds denken, als an Schlaflieder.

Auch Bruce Haack setzte elektronische Musik für Kinder ein. Er stellte ihnen die neuen Instrumente vor. Dazu gibt es wunderbar unterhaltsame Videos auf YouTube. Später probierte er auf seiner deutlich psychedelisch geprägten Platte „Electric Lucifer“ mit dem Vocoder herum.

Pop ohne Grenzen

Im Laufe der 60er-Jahre mit zunehmender Reife der elektronischen Möglichkeiten fanden die neuen Geräte immer häufiger den Weg auch in die Popmusik. Silver Apples zum Beispiel kombinierten selbst gebaute elektronische Instrumente mit Banjo (!) und Schlagzeug und lieferten damit ganz nebenbei die Blaupause für spätere Helden wie Suicide.

1967 verband die Band The United States Of America die Mittel einer psychedelischen Band mit vielen Effekten und seltsamen Sounds, wie es eigentlich nur noch White Noise zwei Jahre später mit „An Electric Storm“ toppen konnten. Selbst die Beatles versuchten sich an der neuen Elektronik, als beispielsweise George Harrison 1969 die Soloplatte „Electronic Sound“ veröffentlichte, die aus nur zwei langen, instrumentalen Experimental-Tracks bestand. Unter dem Eindruck der neuen Moog-Synthesizer hatte er hier die Möglichkeiten des Instrumentes ausgelotet.

So seltsam viele der hier vorgestellten Künstler und Alben auch sein mögen: Gerade sie haben Innovationen auf den Weg gebracht, ohne die heutige elektronische Musik kaum denkbar wäre. Die damalige Experimentierfreudigkeit ist dieser Tage kaum noch vorstellbar – ihre Bedeutung kaum hoch genug einzuschätzen. Doch genau das macht diese Musik auch heute noch ziemlich faszinierend.

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  • Fynn Ulstrom

    Es ist schon super interessant wie sich die elektronische Musik im Laufe der Zeit entwickelt hat. Ich denke wir werden auch in Zukunft noch einige interessante Entwicklungen beobachten.
    Mit besten Grüßen,
    Fynn von http://www.musiker-steckbrief.de