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Skunk Anansie: Rock-Ikone mit Widerhaken

Pamphlete gegen Sexismus und Rassismus

Vor 20 Jahren tauchte in London eine Band auf, die die Rock-Welt in helle Aufruhr versetzte. Bis heute sind Skunk Anansie auch wegen Galionsfigur Skin eine der ganz wichtigen Stimmen in der Rock-Musik.

Ihr Furor war anders, war etwas Neues, Aufregendes und zugleich Gefährliches. Wie ein Racheengel tauchte Deborah Anne Dyer in den frühen 90ern in London auf, stellte als Galionsfigur ihrer frisch gegründeten Band Skunk Anansie die Rock-Welt auf den Kopf. Sie gab sich den Namen Skin, der auf ihren glattrasierten Schädel anspielte, ging offen mit ihrer Bisexualität um, trug männliche Camouflage-Pants und pulverisierte Rollenmodelle im Vorübergehen. Sie fauchte ihren Zorn in kratzbürstigen Songs heraus, der die ganzen Grunge-Trauerklöpse wie Nirvana aus ihren ausgelatschten Turnschuhen fegte, zeigte im nächsten Moment eine Verletztlichkeit, eine elegische Seite, die den Britpop-Helden Oasis die Schau stahl. Skin war anders, Skunk Anansie waren anders, die Musik war anders.

Debüt mit Sprengkraft

Das eckte an, vor allem aber sorgte es für eine Sensation. Man legte mit „Paranoid & Sunburnt“ ein Debüt vor, das es im Jahr 1995 in dieser Sprengkraft nicht noch mal gab. „Selling Jesus“ hieß ein Song, „Little Baby Swastikkka“ ein anderer. Die Texte waren flammende Pamphlete gegen Sexismus und Rassismus, direkt und explizit formuliert. Die Musik war ähnlich provokant: scharfkantig, mit wuchtigen Crossover-Gitarren, Funk-Groove und diesem durchdringenden Organ, das nur eines zu sagen schien: „Na los, leg‘ dich ruhig mit mir an!“ Allein, es tat niemand. Ungehindert marschierten Skunk Anansie an die Spitze, legten nur ein Jahr später mit „Stoosh“ eines der wichtigsten Alben der Dekade vor. Die furiose Jahrhundertballade „Hedonism (Just Because You Feel Good)“ tat das Übrige, um die jungen Londoner zur globalen Rock-Sensation zu machen. Skunk Anansie konnten nämlich nicht nur politisch, sondern auch gefühlvoll. Wut und gebrochene Herzen – die zwei Gesichter der Deborah Anne Dyer.

Elektronikanteil hochgefahren

Dass Skunk Anansie auf ihrem neuen, mittlerweile sechsten Album „Anarchytecture“ den Elektronikanteil merklich hochgefahren haben und rockige Breitwand-Gitarren neben Disco-Beats stellen, hat gute Gründe. 2001 löste man sich auf, ging nach Millionen verkaufter Platten getrennter Wege. Da hatte man mehr Rekorde aufgestellt als die meisten anderen britischen Bands. Sie waren offiziell einer der erfolgreichsten Chart-Acts seit 1952, können ganze Häuser mit Goldenen Schallplatten pflastern. Man trug die Band trotzdem zu Grabe. Weil die Chemie verraucht war, weil man sich nicht mehr ertrug. Skin startete eine Solokarriere im Dance-Bereich und als DJane, eine Leidenschaft, die sie seit dem Skunk-Anansie-Comeback 2009 mehr und mehr auch bei ihrer Band durchschimmern ließ.

Es ist ihnen endlich wieder egal wie sie klingen

Das Zusammenraufen brauchte seine Zeit. Acht Jahre sind kein Pappenstiel, das Comeback „Wonderlustre“ ließ den Biss, die Dringlichkeit der frühen Werke vermissen. Auf „Anarchytecture“ haben die Londoner endlich begriffen, dass sie nicht auf Biegen und Brechen versuchen müssen, die 90er zurückzuholen. Entsprechend gelöst klingen die Songs, reif und endlich wieder hungrig. Wie einst, ist es Skunk Anansie auch 2016 endlich wieder egal, wie sie klingen. Rock, Disco, Pop, Indie? Drauf gepfiffen, bei derart großen Songs. Und bei einer Frontsängerin, die in alle Ewigkeit eine der wichtigsten Frauenfiguren der Musikgeschichte sein wird. Skin zumindest ist es zu verdanken, dass das Bild vom blonden Dummchen hinter dem Mikrofon gehörig durchgerüttelt wurde.

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