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Ein spätes Dankeschön ans Musikfernsehen

Die drei schönsten MTV-Momente

Unser Autor Marco Fuchs reist zurück in die Zeit, in der MTV musikalische Türen aufstieß. Auch die gruseligen …

Der Jahrgang 1974 gilt als goldener. Das habe ich mir gerade ausgedacht, aber es klingt dufte. Jedenfalls komme ich als Angehöriger dieses Jahrgangs häufig in die Verlegenheit, dass sich die blutjungen KollegInnen um einen scharen und mit vor Wissensdurst strahlenden Augen verlangen: „Fuchs, erzähle uns von früher!“ Jedenfalls interpretiere ich das in ihr unangenehm langes Schweigen hinein. Was ich dann auch so was von gerne tue, denn das Weitertragen der Flamme… (Rest bitte selbst ergänzen).

Eine neue Welt dank „120 Minutes“

Künstlerbild Dinosaur Jr credit Brantley Gutierrez

Dinosaur Jr auf artistxite – Fotocredit: Brantley Gutierrez

Die Reise in eine Zeit vor (schneller als Schneckentempo laufendem) Internet, Myspace, Soundcloud, Facebook usw. endet meist mit dem Stopp bei MTV. Ich weiß gar nicht mehr, wann ich da das letzte Mal reinschaute (Gibt’s MTV überhaupt noch. Ne, oder?), aber den Beitrag zur Erweiterung meines musikalischen Kosmos kann ich gar nicht hoch genug beziffern. Bei Sendungen wie „120 Minutes“ wurde ich jede Woche mit einer neuen Lieblingsband zugeschmissen: The Lemonheads, Dinosaur Jr., Guided by Voices. Fein säuberlich wurden die Namen notiert und im innenstädtischen Karstadt auf „CD“ (die Älteren werden sich ebenfalls erinnern) gesucht und erstanden. Teilweise mussten sie sogar „bestellt“ werden. Es war eine verrückte Zeit. Aber: Jeden Donnerstag ein weiterer Schritt heraus aus der Kleinstadt, hinaus in die Welt …

Eleganz und Giftspucker

Künstlerbild Pearl Jam credit Lance Mercer and Barry Ament

Pearl Jam auf artistxite – Fotocredit: Lance Mercer and Barry Ament

An drei MTV-Momente erinnere ich mich ganz besonders gerne: Zum einen an die umwerfende Live-Version von The Smashing Pumpkins‘ „Tonight, Tonight“ samt Streichern und einem angenehm verzweifelten Billy Corgan bei irgendeinem Award-Gedöns. Das war so elegant over the top, dass ich gar nicht mehr wusste, wohin mit mir. Zum anderen an die – ebenfalls bei einer Award-Show stattfindende – Zusammenarbeit von Neil Young (den ich eigentlich nicht toll fand) und Pearl Jam (die ich alles andere als toll fand), die den Young-Klassiker „Keep On Rockin‘ In A Free World“) zu einem Rock’n’Roll-Giftspucker allererster Güte machten. Ich saß vorm Fernseher und war: fasziniert.

Unter die Haut: Come To Daddy

Künstlerbild Aphex Twin credit W. Mustain

Aphex Twin auf artistxite – Fotocredit W. Mustain

Dritter und intensivster MTV-Moment: Nachts mit reichlich Herzschmerz und Wirbeleien im Zukunftskalender nach Hause kommen, den Fernseher zum Trost anmachen und von Cunninghams Video zu „Come To Daddy“ von Aphex Twin den Kopf aufgefräst zu bekommen. Der Schreck über die Kinder mit den Masken, das sich aus dem Bildschirm herausschreiende Monster und das peitschende „I Want Your Soul“-Geballer fanden weder davor, erst recht nicht danach, eine angemessen unter die Haut gehende Entsprechung. Thanks for that.

Und kommende Woche dann aus der Reihe „Opa erzählt vom Krieg“: „Warum gibt’s die ‚Live USA‘-Reihe mit den grotesk schlechten Bootlegs eigentlich nicht mehr?“ Bis dahin viel Spaß beim Sortieren der Schellack-Sammlung!

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