Pierre-Boulez-credit-Roger-Mastroianni

Boulez dirigiert Zappa: Die perfekte Verbindung

Ein Nachruf

unseres Klassik-Spezialisten Salvatore Pichireddu, anlässlich des Todes von Pierre Boulez.

Als Frank Zappa und Pierre Boulez Mitte der 1980er Jahre auf „The Perfect Stranger“ zusammenarbeiteten, vermuteten viele nur eine (weitere) Extravaganz zweier Sonderlinge, in Wirklichkeit leisteten die beiden Pionierarbeit, die Frank Zappas Reputation nachhaltig verändern sollte.

Frank Vincent Zappa auf die Rolle des auf dem Klo hockenden Bürgerschrecks zu reduzieren, der mit schlüpfrigen Texten den Soundtrack für die rebellische Hippie-Generation ablieferte, ist wirklich viel zu kurz gegriffen. Bei aller Provokation, die bei Zappa sicher nicht unbeabsichtigt war, ging es dem Sänger, Gitarristen, Schlagzeuger, Keyboarder und Komponisten erster Linie immer um Musik: neue, komplexe, kunstvoll gestaltete und ausgeführte, revolutionäre Musik. Das Rockgenre, das er dafür zuerst adaptierte, erweiterte er klanglich und in der Besetzung nach Vorbild eines Kammerorchesters. Zu Zappas frühesten musikalischen Einflüssen gehörte die serielle Musik des 20. Jahrhunderts, insbesondere jene Edgar Varèses. Zu seinen ersten Kompositionen als Teenager gehörte „A Pound for a Brown (On the Bus)“ für Streichquartett, das 1969 erstmals in einem Arrangement für Bläser auf „Uncle Meat“ erschien. Der Weg von der (reinen) Rockmusik in die Neue Musik war bei dem italienischenstämmigen Multi-Talent schon sehr früh abzusehen. Und zu seinen frühen Idolen gehört auch Pierre Boulez.

Boulez, der Unruhestifter im Dienste der Musik

Ein Bürgerschreck war Pierre Boulez vielleicht nicht, obwohl er doch im September 1967 in einem Spiegel-Interview mit dem provokanten Imperativ „Sprengt die Opernhäuser!“ für reichlich Unruhe im verstaubten Klassiklager sorgte. Doch trotz manch rhetorischer Spitze (da wurde schon mal der Komponisten-Kollege Hans Werner Henze als „lackierter Friseur“ abgestraft) war Boulez im Grunde, ähnlich wie Zappa, zeitlebens daran interessiert, das Neue, das Aufregende, das Zeitgemäße in die Musik zu transportieren, den Status Quo zu hinterfragen, nicht als Zerstörer, sondern als Erneuerer einer zeitgemäßen Musik und Musikästhetik. Auch Boulez ging es nicht vordergründig um die Provokation, sondern um substantiell neue Inhalte: sowohl in seinen eigenen Kompositionen, in denen er die Klangsprache der seriellen Musik konsequent (und revolutionär) erweiterte, als auch in seiner Arbeit als Dirigent. Er entstaubte das etablierte Repertoire von beispielsweise Wagner (in seiner phantastischen Einspielung des „Jahrhundertrings“, 1976–1980) konsequent; den modernen Klassikern des 20. Jahrhunderts von Debussy und Ravel über Bartók bis Schönberg und Webern verhalf er durch sorgfältigste Umsetzungen zu mehr Transparenz und Verständnis.

Künstlerbild Frank Zappa credit Emerson Loew

Frank Zappa auf artistxite – Fotocredit Emerson Loew

Der notgedrungene Dirigent

In einer Generation, in der sich Dirigenten gerne wie selbstherrliche Usurpatoren über ein Sklavenheer von Musikern gebaren, war Boulez eine Ausnahme: ruhig im Gestus formte er die Musik mit den Händen (und ohne Taktstock-Zeigefinger). Es war ein strenger Orchesterleiter, aber nicht barsch, sondern kollegial. Er achtete Musiker und Musik gleichermaßen, vielleicht sind deswegen seine Aufnahmen so exemplarisch wie plastisch und lebendig.

Boulez begann eher notgedrungen mit dem Dirigieren: Seine avantgardistischen, revolutionären Kompositionen wollte (und konnte!) in der konservativen Musikwelt der Nachkriegszeit niemand dirigieren. Der hysterische Optimismus der Wirtschaftswunderjahre sehnte sich nach Wohlklang und der guten, alten Zeit. Die ungewohnten Töne von Boulez hatten nur wenige Freunde. Unter den noch spätromantisch geprägten Dirigenten der 1950er und 1960er Jahre gab es kaum einen Fürsprecher für die jungen Wilden, die aus Paris, Darmstadt, Venedig und Köln die verknöcherten Hörgewohnheiten der Welt nach Auschwitz und Hiroshima zu verändern versuchten. Der autodidaktische Dirigent Boulez begann mit seinen eigenen Werken, dann jenen seiner Kollegen und Freunde (etwa Karlheinz Stockhausen und Luigi Nono), bevor er sich mit der ihm eigenen Akribie, dem Repertoire nach und nach öffnete.

Der zunächst missverstandene Meilenstein

Als 1984 Frank Zappa und Pierre Boulez das (gemeinsame!) Album „The Perfect Stranger“ veröffentlichten, witterten die Musikkritiker und Feuilletonisten zunächst nur eine weitere Provokation. Boulez unterstellte man durch eine Beschäftigung mit dem „Rockmusiker“ Zappa eine bewusste Herabwürdigung der (etablierten) amerikanischen Komponisten; bei Zappa vermutete man eine seiner üblichen Eskapaden, die sich gegen das Business und auch gegen die verkrusteten Erwartungen seines (Rock-) Publikums richteten. Dabei entstand das Album aus einem ehrlichen Interesse aneinander und mit höchstem Respekt vor der Arbeit des jeweils anderen. Anders als bei Zappas ersten Ausflügen in die (sogenannte) klassische Musik auf den Alben „Orchestral Favorites“ und „London Symphony Orchestra Vol. I & II„, begegnete Boulez dem Komponisten Zappa nun auf Augenhöhe. Während die vorigen Experimente stellenweise bemüht und verkrampft klangen (oder nicht konsequent), ist Boulez‘ Umgang mit Zappas Klangsprache natürlich. Das Ensemble Intercontemporain fand einen intuitiven Bezug zu den drei Kompositionen „The Perfect Stranger„, „Dupree’s Paradise“ und „Naval Aviation in Art“ (die übrigen vier Titel des Albums spielte Zappa im Alleingang am Synclavier ein).

Die perfekte Besetzung

Zum ersten Mal erhielt der Komponist Zappa die Anerkennung, die ihm als „Musikkomiker“ auf den Rockbühnen verwehrt blieb: Nicht die Extravaganz des Komponisten und Performers Zappa stand im Mittelpunkt, sondern seine Musik, unverfälscht und auf höchstem Niveau. Für Zappas Spätwerk war diese „perfekte Besetzung“ mit einem der besten Kammerensembles der Welt und einem der engagiertesten Fürsprecher der Neuen Musik ein Wendepunkt: Ohne Boulez‘ Ritterschlag wären seine späteren Großtaten mit dem Ensemble Modern („The Yellow Shark„, 1993; „Civilization Phaze III“, 1994) nicht vorstellbar. Der Sprung vom Rockmusiker zum ernstzunehmenden Komponisten war vollzogen. Pierre Boulez, der nie etwas dirigierte, von dem er nicht überzeugt war, öffnete – fast im Nebeneffekt – einer ganzen Generation von Zappa-Fans die Tür zur Neuen Musik. Ausgehend von „The Perfect Stranger““ begannen diese, anhand der Aufnahmen des Franzosen, die Wurzeln und Bezüge des Zappaschen Klangkosmos jenseits der Rockattitüde ihres Helden zu entdecken.

Kein Crossover, sondern kompromisslos

Die vielbeschworene Nähe von Teilen der (sogenannten) U-Musik zur E-Musik wird oft in halbseidenen Crossover-Projekten verwässert. Wenn Protagonisten der Klassikwelt und der Popkultur aufeinandertreffen, neigen die Beteiligten zu Beschwichtigungen, zu Glättungen, zum Ausbügeln der Eigenheiten. Nichts davon steckt in „The Perfect Stranger“. Die hier zusammengefassten Kompositionen sind waschechte Neue Musik, kompromisslose Zappa-Schöpfungen, die von Boulez mit großer Umsicht umgesetzt wurden. Für Boulez war es nur eines von vielen großartigen Projekten, denen er zum Leben verhalf, für die Kinder der Babyboomer-Generation, die mit Zappas Rockmusik groß geworden sind, war „The Perfect Stranger“ der erste, intensive und unverfälschte Kontakt zu einer neuen Welt.

Und wenn es nicht tausend andere Gründe gäbe, den beiden musikalischen Pionieren Zappa und Boulez auf ewig danken zu wollen, dieses Album wäre der perfekte Grund dafür.

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