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Roskilde Festival 2015: Streetdinner mit Blut-Pfannkuchen

Anastasia Dimitriadou – eine von 30.000 freiwilligen Helfern beim Roskilde Festival

Die orangefarbenen Westen sind ihr Markenzeichen. 30.000 Freiwillige arbeiten jedes Jahr auf dem dänischen Roskilde-Festival. Sie sichern Bühnen, kochen, putzen und bewachen Zeltplätze. Dank ihres Einsatzes spendet das Festival 2015 den Gewinn in Höhe von 2,5 Millionen Euro an gemeinnützige Institutionen. Auch die Hannoveranerin Anastasia Dimitriadou ist Teil der Freiwilligen-Gemeinde. Am siebten Festivaltag zeigt sich die 29-Jährige völlig entspannt. Sie hat ihren Einsatz schon hinter sich und kümmert sich um Festival-Grundbedürfnisse wie Essen, Duschen und das Konzert von Pianist Nils Frahm.

Interview mit Anastasia Dimitriadou

Anastasia, wie kommt es, dass Du auf dem dänischen Roskilde-Festival arbeitest?

Mein Freund und ich leben seit kurzem in Kopenhagen, wo wir mit unserer Firma „Bite Me“ kreatives Catering anbieten. Wir haben uns dann bei „More Than Eating“ beworben, ein Roskilde-Programm, das Essens-Trends aufgreift und den Leuten in den ersten Festival-Tagen, bevor das Musikprogramm richtig losgeht, etwas bieten will. Wir haben ein Streetdinner veranstaltet, auf dem Zeltplatz, da passiert überhaupt nichts, völlig tote Hose. Die Zone heißt „Clean and Silent“. Erwachsenen-Camping sozusagen. (lacht)

Wie sah Euer Streetdinner aus?

Roskilde Festival 2015 - Streetdinner

Roskilde Festival 2015 – Streetdinner – Foto (c) Mad About Copenhagen

Die Vorgabe war, die Besucher dazu zu bringen, gemeinsam etwas zu machen, das nicht nur mit Trinken zu tun hat. Wir haben uns dann ein Dinner für 100 Leute ausgedacht, mit 24 Gängen.

24 Gänge?

Ja, aber in kleinen Portionen. Alles wurde aufgegessen. Unser Streetdinner funktionierte nach dem Prinzip „Dr.Oetker-Kochen“, wir haben etwas vorbereitet und eine Stunde vor Beginn mussten sich Gruppen zu drei Leuten bilden, die dann Taschen mit je 2-3 Zutaten bekamen und zusammenmixen mussten.

Klingt abenteuerlich. Was war das zum Beispiel?

Oh, wir hatten zum Beispiel Blut-Pfannkuchen. Wenn Du Schweineblut in den Teig füllst, wird der braun. Schmeckt toll, wie Schoko-Pfannkuchen. Mit einem leichten Salami-Nachgeschmack.

Und das wurde gegessen?

Ja. Die Leute fanden das komisch beim Reingießen, beim Essen aber nicht mehr. Dann hatten wir Enoki-Pilze, in Ostasien kultivierte Pilze, mit langen dünnen Stielen und kleinen Köpfen, die in Bündeln wachsen. Die Besucher haben die in 70-Prozentige Schokolade eingetaucht und mit Seetangsalz bestreut. Der größte Renner war das Schwein auf dem Grill, das sah aus wie bei Asterix.

Eigentlich wollten wir noch Brennnessel frittieren und Lavendelpuderzucker drüberstreuen. Das haben wir aber gelassen, da die Nesseln immer noch auf der Zunge gebrannt haben. Wir haben dann stattdessen Salbei genommen.

Klingt so, als sollte das Essen vor allem verrückt sein…

Ja schon. Die Idee war, den Leuten was anderes zu zeigen als übliches Festivalfood wie Dosenravioli, Sandwiches oder Burger. Nimm das normale und verdreh es, dann erlebst Du etwas völlig neues. Viele Besucher haben gesagt, dass sie gar nicht wussten, dass man salzig mit süß kombinieren kann oder bitter mit sauer.

Wie habt Ihr das Streetdinner finanziert?

Roskilde hat die Zutaten bezahlt, da mussten wir ein Budget einhalten. Unser Aufwand war persönliche Investition. Das Konzept aufstellen, Testen, alles nach Roskilde transportieren und dann einen ganzen Tag nur kochen, kochen, kochen.

Und jetzt? Hast Du als Freiwillige noch andere Pflichten?

Nein, ich darf den Rest des Festivals genießen. Ich komme mir etwas komisch vor, da die meisten anderen Freiwilligen jetzt ihre Schichten haben; 24 Stunden insgesamt sind üblich. Ich hatte dafür halt die ganze Vorbereitung.

Roskilde Festival 2015 - Streetdinner

Roskilde Festival 2015 – Streetdinner – Foto (c) Mad About Copenhagen

Was bekommst Du für Deinen ehrenamtlichen Einsatz?

Das Festivalticket und einen ruhigen Zeltplatz, mit richtigen Toiletten und Duschen. Außerdem habe ich Zugang zum Backstage-Bereich und der Freiwilligen-Lounge, wo es umsonst Kaffee gibt und Du Bier für 15 Kronen also knapp 2 Euro kaufen kannst.

Wie fühlt sich das Leben an in der Freiwilligen-Gemeinde? Du bist ja eine von insgesamt 30.000. Ist das nicht furchtbar anonym?

Nein gar nicht, es ist supernett. Ich kenne schon einige Leute, die beim Kunst-Programm assistieren,Thai-Essen kochen, Bühnen aufbauen oder nachts Zeltplätze bewachen. Auch Klos-Schrubben gehört zu vielen Schichten dazu.

Klingt nicht unbedingt nach Traumjobs…

Stimmt, aber trotzdem sind die Meisten gut drauf und total geduldig, wenn mal etwas nicht klappt oder sie morgens in einer ewig langen Schlange auf die Dusche warten müssen. Eine Freiwillige, deren Schicht gestern früh begann, wurde sofort vorgelassen. Das sind Kleinigkeiten, die ich auf deutschen Festivals so noch nicht erlebt habe und die zeigen, wie groß hier der Zusammenhalt ist. Ein schönes Gefühl.

Gibt es auch andere deutsche Freiwillige?

Ein paar habe ich schon kennen gelernt, auch einige Amerikaner. Die meisten kommen aber aus Dänemark und anderen skandinavischen Ländern.

Was ist das Besondere für Dich am Festival und Deiner Arbeit hier?

Dass das Festival schon so lange existiert und sich weiterentwickelt. Von vielen Freiwilligen haben schon die Eltern hier gearbeitet, man spürt diesen besonderen Vibe. Die Veranstalter sind sehr offen für neue Ideen. Du konsumierst nicht nur, sondern kannst das Festival  mitgestalten, das finde ich toll. Auch wenn das oft mit Chaos verbunden ist. Als wir kochen mussten, war die Küche noch nicht fertig, wir hatten kein Gas und keinen Strom. Am Ende haben wir wie die Hühner geackert, um alles rechtzeitig fertig zu kriegen.

Kommst Du nächstes Jahr wieder?

Aber unbedingt!

Ina Linden hat für euch noch einen zweiten Roskilde Festival 2015 Artikel geschrieben. Darin erfahrt ihr mehr über das Festival selbst und den damit verbundenen „kontrollierten Wahnsinn„. Schaut unbedingt mal rein und lasst Ina einen Kommentar da. Und wenn ihr hören wollt, wie es einem geht, der dieses Jahr eine Festivalpause einlegt, dann legen wir euch dringend Tim Pommerenke’s Kolumne: Mein Jahr ohne Festival ans Herz.

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