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Country, meine späte Liebe

Aerosmith-Frontmann Steven Tyler will ein Country-Album aufnehmen.

War ihm seine musikalische Jugendliebe bislang peinlich? Unsere Autorin geht auf Spurensuche – und gibt dem Mann mit dem Raubtier-Maul Styling-Tipps.

Mein erster Song, vom Radio auf Kassette aufgenommen (und pssst, blöde Brüder, jetzt müsst Ihr gaaanz leise sein) war „La Isla Bonita“ von Madonna. Ich war elf, im Freibad lief das Lied aus allen Ghetto-Blastern und leitete meine Phase seichtester Pop-Musik ein, in deren Verlauf ich selbst vor Mariah Carey und Elton John nicht halt machte.

Heute habe ich – des Dauerschämens überdrüssig – innerlich aufgeräumt, Mariah Carey ist raus, Elton Johns alte Platten und „La Isla Bonita“ sind wieder drin. Weil sie doch zu mir gehören, wie Brausepulver, Pickel und Stiftebecher aus Klopapier-Rollen.

Auch Aerosmith-Frontmann Steven Tyler hat seine erste Liebe lange verheimlicht – die zur Country-Musik. Er streifte nach eigenen Angaben durch die Wälder von New Hampshire und durchlitt seine Pubertät zum Soundtrack der Carter Family und der Everly Brothers. (Letztere übrigens ebenfalls Country-Flüchtlinge, allerdings schufen sie daraus ihren sphärischen Rock’n-Roll-Sound).

Steven Tyler (c) Rovi

Steven Tyler (c) Rovi

Wohl auch ein wenig angeschubst durch das Aerosmith-Dauer-Sabbatical besinnt sich Tyler nun seinen Wurzeln und nimmt mit Taylor Swifts Label Big Machine eine Platte auf – in Nashville natürlich.

Mehr wissen wir noch nicht, außer dass der Mann mit dem Raubtiermaul und dem passenden Jaguar-Fauchen seine Aerosmith-Phase nicht leugnen möchte, was er wohl auch gar nicht kann. Dramatik und Pathos berühmter Balladen wie „Amazing“ oder „Crazy“ passen ja auch bestens zur Country-Musik, die mit Emotionen noch nie geizig umgegangen ist.

Wenn Tyler dann seine Mundharmonika ausgepackt, die Mähne zu Willie-Nelson-Zöpfen geflochten und die gebleichte Stirnlocke überfärbt hat, kann er optisch auch von jüngeren Kollegen lernen. Jon Wolfe zum Beispiel tritt als echter texanischer Cowyboy nie ohne Hut und Karohemd auf, was seinen Album-Covers (aktuelles Beispiel „Natural Man“) einen hohen Wiedererkennungswert verleiht.

Tyler muss lernen, dass sich ein echter Country-Star nicht mit Schnick-Schnack wie Glitzer-Outfits oder schmalzigen Songtexten aufhält

Mit einem Haudegen-Bass gesegnet zeigt er Tyler, dass sich ein echter Country-Star nicht mit Schnickschnack wie Glitzer-Outfits oder schmalzigen Songtexten aufhält, sondern lieber den Honky Tonk zum Stampfen und die Pedal-Steel-Gitarre zum Jaulen bringt. Wobei ich den Verdacht hege, dass Tyler nur deshalb dem Hard-Rock entsagt, um einmal gemeinsam mit diesem Instrument ein Quietsch-Duett singen zu dürfen …

Jon Wolfe (c) Rovi

Jon Wolfe (c) Rovi

Auch Darius Rucker könnte dem 67-Jährigen weiterhelfen. Der ehemalige Frontmann der Rock-Band Hootie & The Blowfish kennt sich aus mit Genre-Wechseln – und kehrte nach R&B-Ausflügen ebenfalls zu seiner Jugendliebe zurück. (hier kommt ihr zum aktuellen Album: „Southern Style“) Warum er für seinen wunderbar souligen Country-Sound so lange brauchte, wissen wir nicht. Vielleicht hat er damals ja auch Stiftebecher aus Klopapierrollen gebastelt – und kann erst heute dazu stehen. Auf die ersten Steven-Tyler-Interviews zum neuen Album darf man jedenfalls gespannt sein.

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