Blur (c) Linda Brownlee

Blur: Britpop-Helden wider Willen

Bei Blur stehen die Zeichen auf Comeback

Daran hatte ja eigentlich niemand geglaubt. Doch im Gegensatz zu Oasis stehen bei den Britpop-Miterfindern Blur alle Zeichen auf einem Comeback für die Geschichtsbücher.

Die Sache mit Blur und Oasis war ja ein wenig wie bei den Beatles und den Rolling Stones. Zwei Bands, eine ähnliche Zeit, ein ähnlicher Hype. Mochtest du die eine, konntest du unter gar keinen Umständen Fan der anderen sein. Dabei deutete am Anfang rein gar nichts darauf hin, dass sich die Londoner von Blur eines Tages mit den Manchester-Rüpeln Oasis um die Chartspitze und die Gunst der Hörer streiten würden. Gegründet 1988, zeigten sich Bandgründer Damon Albarn und seine Mitmusiker in ihrer Anfangszeit deutlich beeinflusst von der Madchester-Bewegung mit ihren Elementen zwischen Alternative-Rock, Electro und Psychedeli- Rock. Mit ihrer zweiten Single „There Is No Other Way“ wurden sie praktisch über Nacht zu gefeierten Stars und führten den losen Musikerverbund The Scene That Celebrates Itself an, eine hedonistische und partyfreudige Vereinigung Londoner Bands. Das Debüt „Leisure“ folgte 1991, von Britpop fehlte darauf allerdings jede Spur.

Britpop setzte England und die Welt in Flammen

Als Blur ihre ersten Erfolge als Newcomer-Helden feierten, wurden Oasis gerade erst geboren. Bis sie 1994 mit ihrem Debüt „Definitely Maybe“ um die Ecke kamen, hatten sich Blur bereits bedeutend weiterentwickelt. Kein Jahr nach der Veröffentlichung des ersten Albums vollzog Sänger und Kopf Damon Albarn eine Kehrtwende und legte 1992 mit der Single „Popscene“ den Grundstein für das, was wenig später als Britpop nicht nur England, sondern die ganze Welt in Flammen setzen würde. Madchester war gestern, auf dieser Single dominierten rotzige, beinahe punkige Gitarren und jede Menge 60er-Hooks den Sound. Dieser „sehr englische Song“, wie ihn Albarn beschrieb, erinnerte an die Kinks ebenso wie an The Clash und legte den Grundstein für das, was jetzt kommen sollte: Eine nicht besonders erfolgreiche US-Tour rief bei dem Frontmann derart viel Heimweh hervor, dass er archetypisch englische Songs schrieb, um die Ferne erträglicher zu machen.

Der Rest ist Geschichte: Nach „Modern Life Is Rubbish“ folgte 1994 das Album „Parklife„. Es war ein Wendepunkt für Blurs Karriere und das erste große Britpop-Referenzwerk. Die Lead-Single „Girls And Boys“ wurde ein Hit, das Album ging direkt auf die Eins der englischen Charts und war fast zwei Jahre in der Hitparade vertreten. Gemeinsam mit „Definitely Maybe“ von Oasis wurde im Jahr 1994 die gesamte englische Musikwelt auf den Kopf gestellt. Es war wieder cool, englisch zu klingen, englisch auszusehen. Die „Cool Britannia“-Bewegung, die nach den schwierigen 70ern und 80ern wieder Optimismus und Stolz in England aufkeimen ließ, ist zu großen Teilen dieser Band zu verdanken.

Blur waren immer schon mutiger und vielseitiger als die großen Rivalen von Oasis

Dann kam der 14. August 1995. Und damit der entscheidene Moment im Britpop. Am selben Tag veröffentlichten Blur die Single „Country Home“ und Oasis ihren Mitbewerber „Roll With It“. Die Rivalität der Bands hatte ihren Höhepunkt erreicht, jetzt wollte man sehen, welche Band die größere ist. Blur gewannen diesen „Battle Of Britpop“, obwohl sie innerlich längst mit diesem spezifischen Musikstil abgeschlossen hatten. Blur waren immer schon mutiger und vielseitiger als die großen Rivalen von Oasis, erfanden sich neu, ließen auf dem selbstbetitelten Werk von 1997 Albarns Vorliebe für amerikanischen Lo-Fi-Rock durchschimmern. Die Single „Song 2“ wurde zu einem gewaltigen Erfolg. Wenn auch wider Willen: Damon Albarn hatte die kreativen Zügel fest in der Hand, zunehmend kam es zu Spannungen innerhalb der Band. 2002 stieg Gitarrist Graham Coxon aus, Albarn konzentrierte sich mit den Gorillaz auf englische Sounds, das Ende der Band schien gekommen. „Think Tank“, das Album von 2003, sollte das letzte gewesen sein.

War es aber nicht: 2008 kam es zur Wiedervereinigung, 2009 gaben Blur ein denkwürdiges Konzert im Hyde Park. Und 2015, ganze zwölf Jahre nach dem letzten Album, sind Blur tatsächlich zurück. „The Magic Whip“ wird natürlich kein Britpop-Revival, dafür waren die Londoner immer schon zu vielseitig, zu rastlos. Dafür ist ein weiteres Werk einer der cleversten und besten Pop-Bands zu erwarten, die jemals auf englischem Boden gegründet wurden. Und wer aufmerksam zuhört, wird auch auf diesem triumphalen Comeback den einen oder anderen hübsch platzierten Verweis auf die selige Zeit des Britpop entdecken.

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