Tori Amos [c] Victor de Mello

Tori Amos: Nicht ohne mein Piano

Was Tori Amos mit ihrem Piano vollbrachte, hat die Musikgeschichte nachhaltig verändert.

Jetzt erscheinen ihre seelenvollen ersten beide Werke als remasterte Deluxe-Editionen. Das ist nicht nur überfällig, es unterstreicht auch die elementare Bedeutung ihres frühen Werks.

Sie ist eine der ikonischsten, wichtigsten, einflussreichsten und besten Musikerinnen unserer Zeit: Tori Amos und ihr geliebtes Piano herrschen seit über 20 Jahren einsam an der Spitze der weiblichen Singer-Songwriter. Mehr als zwölf Millionen verkaufte Alben gehen auf ihr Konto – beeindruckende und dennoch nackte Zahlen, die nichts von dem verraten, was diese Ausnahmekünstlerin so besonders macht. Dafür muss man schon ein wenig tiefer eintauchen in ihre erstaunliche Karriere.

Unternehmen wir eine Zeitreise tief hinein in die Vergangenheit, genauer gesagt in die späten 60er. In Rockville, einem Städchen in Maryland an der Ostküste der Vereinigten Staaten, sitzt die fünfjährige Myra Ellen Amos am Piano und komponiert. Richtig gelesen: sie komponiert! Seit ihrem zweiten Lebensjahr spielt sie Piano, mit fünf ist sie bereits so weit, dass sie am Peabody Conservatory of Music aufgenommen wird – als jüngste Studentin aller Zeiten! Amos konnte noch nicht mal rechnen, da schrieb sie schon eigene Stücke!

Noten lernen verweigerte Tori Amos

Aus einer Elitekarriere als klassische Pianistin wurde indes nichts. Dafür entdeckte die musikalisch Hochbegabte die Rock- und Pop-Musik für sich – sehr zum Missfallen ihrer Lehrer. Weil sie sich zudem standhaft weigerte, Notenlesen zu lernen und stets nur nach ihrem Gehör spielte, musste sie das Konservatorium mit elf Jahren verlassen. Y Kant Tori Read, ihre erste Band, die sie 1986 gründete, bezog ihren Namen augenzwinkernd auf ihre Tage am Peabody Conservatory, brachte ihr aber nicht die gewünschte Anerkennung. Heute ist das 1988 veröffentlichte selbstbetitelte Debüt ein gesuchtes Sammlerstück, weil sich Amos standhaft weigert, es neu aufzulegen. Warum auch? Amos hatte längst ihren Frieden damit gemacht und brachte ihre Solo-Karriere ins Rollen. Statt dem Synthesizer stand hier das klassische Piano im Vordergrund, ihr Lieblingsinstrument und ab sofort auch ihr Markenzeichen.

Tori Amos konnte noch nicht mal rechnen, da schrieb sie schon eigene Stücke!

Mit „Little Earthquakes“ erschien 1992 eines der beachtenswertesten Debüts der amerikanischen Pop-Geschichte, ein Album, das das Piano so konsequent in den Vordergrund stellte, wie man es bislang noch nicht gehört hatte. War das jetzt Piano-Rock? Oder Barock-Pop? Die Kritiker waren überfordert, die Hörer hingegen liebten dieses intensive, bittersüße, ehrliche Album, auf dem Tori Amos äußerst persönliche Themen wie ihre religiöse Erziehung, ihr sexuelles Erwachen und ihre Suche nach Identität thematisierte. Mit Singles wie „Crucify“ oder „Silent All These Years“ ist es kein Wunder, dass sich „Little Earthquakes“ allein in den USA über zwei Millionen Mal verkaufte.

Endlich hatte sich Tori Amos als Künstlerin etabliert. Und übernahm damit gleich die Vorreiterrolle für eine ganze Generation junger Musikerinnen, die sich von ihren Erfolgen motiviert und inspiriert fühlten. Zwei intensive Jahre vergingen, dann veröffentlichte Amos den Nachfolger „Under The Pink“, eine weitere Offenbarung, ein weiterer intimer Blick in ihr Innenleben. Und ein weiterer gewaltiger Erfolg: Mit dem unsterblichen „Cornflake Girl“ als wohl größtem Single-Hit in der Hinterhand, begeisterte sie mit dramatisch aufwallenden Stücken, zerbrechlichen Balladen und ihrer mittlerweile charakteristisch-durchdringenden Stimme. Das verwunschene „Bells For Her“ oder das unerreichte Opus „Yes, Anastasia“ waren der Soundtrack einer ganzen Generation.

Höchste Zeit also, dass diese beiden Frühwerke der talentierten Tori Amos aufpoliert, erweitert und remastered erneut erscheinen. Endlich kann man wieder versinken in dem unvergleichlichen Zusammenspiel zwischen Gesang und Gitarre, ergänzt um jeweils ein schmuckes Bonus-Album. Da findet sich dann unter anderem ihre Nirvana-Coverversion „Smells Like Teen Spirit“. Bis heute (auch ihr bisher letztes Album „Unrepentant Geraldines“ von 2014 ist ein Hochgenuss) beweist Amos nämlich, dass sie nicht nur selbst bewegende, meisterhafte Songs schreiben kann, sondern auch die Kunst der Fremdinterpretation zur Weltmeisterschaft gebracht hat. Das macht sie zu einer der herausragenden Figuren der Musikwelt, zu einem wichtigen Vorbild und zu einer schadlosen Künstlerin, der man nicht genug für ihre wundervolle Musik und ihre mutigen Texte danken kann.

Hört euch doch in unserem Player, direkt hier am Anfang des Artikels, noch einmal die Alben von Tori Amos an und schreibt uns einen Kommentar wie ihr sie findet. Lest auch gerne noch weiter im Blog. Wir haben viele interessante Hintergründe und Portraits für euch gesammelt.

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