Philip Selway (c) Bella Union

Interview: Philip Selway

Mit seinem zweiten Album zeigt Philip Selway, dass er nicht nur ein exzellenter Trommler, sondern auch an der Gitarre und am Mikro ein ganz Großer ist. Christa Herdering sprach im ByteFM-Studio mit dem Schlagzeuger von Radiohead über seine Hausband und über das neue Soloalbum „Weatherhouse“.

Wie geht es dir?
Sehr gut. Ich bin gerade in Hamburg angekommen und habe gestern in Berlin gespielt.

Wie war die Show?
Es lief ziemlich gut. Ein sehr angenehmes Publikum, das wirklich zugehört hat und über einige Fehler hinwegsah.

Die meisten Hörer werden dich als Schlagzeuger von Radiohead kennen, aber du machst bereits seit einigen Jahren alleine Musik. Wann kam es dir in den Sinn, dass du mehr bist als nur ein Drummer?

Also eigentlich schreibe ich schon Songs, seitdem ich angefangen habe, Schlagzeug in Bands zu spielen. Als wir mit Radiohead vor langer Zeit einen Plattenvertrag unterzeichnet haben, machte ich den Wandel zu einem professionellen Musiker durch und wollte mich zunächst auf das Schlagzeugspiel konzentrieren. Allerdings haben sich schon vor wahrscheinlich zehn Jahren Songideen angehäuft und irgendwann hatte ich genug Material, das sich nicht wie Radiohead anfühlte. Also machte ich den Prozess durch, eine Platte nach meinen eigenen Ansprüchen zu machen und singen zu lernen, was mich nun hierhin gebracht hat.

Musstest du Gesangsunterricht nehmen oder war es vielmehr ein organischer Prozess?

Das ist so eine Sache: Ich habe es definitiv unterschätzt, wie schwer es ist, eine Gesangsstimme zu finden. Ich dachte: „Ach, ich singe einfach ganz natürlich.“ Aber es ist ein langer Weg. Darum habe ich anfangs einige Gesangsstunden genommen. Während der Aufnahmen zu meinem ersten Album „Familial“ war der Produzent, mit dem ich in Davenport arbeitete, so brillant, mir den Raum und die Unterstützung zu geben, was in einem Aufnahmeprozess funktionierte. Es ist ein Arbeitsprozess und jede neue Situation – ob im Studio oder live – erweitert in einer Weise das, was ich mit dem Gesang mache.

Spielst du mehrere Instrumente wie Klavier oder Gitarre?

(Zögernd) Ja, das tue ich. Ich kann diese Instrumente zumindest gut genug spielen, um Songs zu schreiben und aufzutreten. (lacht)

Aber ist das Schlagzeug noch immer dein Lieblings-, dein Hauptinstrument?

Auf jeden Fall. Schlagzeugspielen ist seit meiner Kindheit oder meiner Jugend meine Leidenschaft. Mit 16 habe ich mein erstes Schlagzeug bekommen und ich dachte an diesem Punkt schon, das wäre längst überfällig und ich hätte den Anschluss verpasst.

„Coming Up For Air“ ist das Eröffnungsstück deines aktuellen Albums „Weatherhouse“. War dies auch der erste Song, den du dafür geschrieben hast?

Es war der erste Song, den ich für die Platte aufgenommen habe und das war auch so eine Sache: Ich hatte das Schlagzeug auf meinem ersten Album „Familial“ nicht selbst gespielt und mein Produzent schlug vor, dass ich bei „Coming Up For Air“ nun selbst Schlagzeug spielen solle. So war es mein erster Versuch und es ergab eine ganz andere Plattform für die Arrangements, über deren Ergebnisse ich sehr erfreut war. Also entschied ich mich dafür auch auf dem Rest zu spielen.

Du schreibst zwar die Musik und auch die Texte für dein eigenes Projekt allein, bist aber nicht alleine im Studio – da arbeitest du auch mit anderen Musikern zusammen.

Das ist richtig. Während der Aufnahmen zu „Weatherhouse“ habe ich mit Adem (Ilham, Anm. d. Red.) und einem anderen Musiker – Quinta – zusammengearbeitet. Beide sind Teil meiner Live-Band und waren auch schon bei den Aufnahmen zu „Familial“ dabei. Manchmal trifft man einfach Musiker, bei denen man merkt, dass es klickt und so war es bei uns drei. Es war sehr produktiv, zusammenzuarbeiten. Ich hatte zwar bereits meine Songs, bevor wir in den Aufnahmeprozess gingen, jedoch waren diese nicht komplett fertig, sodass Adem und Quinta viele unerwartete Aspekte einbringen konnten. Das ist aufregend, wenn man an dem Punkt des Prozesses immer noch überrascht wird.

Ich habe gelesen, dass du schon live mit der Soul-Band The Dap-Kings performt hast.

Ja, das habe ich. Ich bin inzwischen eine Soul-Legende. (lacht) The Dap-Kings haben mich eingeladen, mit ihnen in der Jimmy-Fallon-Show in New York aufzutreten. Letzten Sommer habe ich sie in London im Rahmen einer Soul-Revue mit Sharon Jones und Charles Bradley spielen sehen und es war ein verblüffender Musikabend. Sie haben schon mit Amy Whinehouse gearbeitet und einfach einen erstaunlichen Groove, also heuerte ich sie für einen Song von „Weatherhouse“ an: „It Will End In Tears“. Bereits als wir geprobt haben, war ich im musikalischen Himmel. So hatte ich eine Big-Band für einen Abend.

Gibt es weitere Pläne, zusammen aufzutreten?

Im Moment nicht, aber ich fände es toll, ein paar weitere Shows zu spielen.

Philip, was bedeutet Erfolg für dich?

Nun, musikalisch gesehen wäre das, Leute mit Musik, die anders klingt, zu berühren. Wenn dann jemand etwas daraus ziehen kann, wäre das für mich ein Erfolg.

Du hast mir erzählt, dass du nicht wirklich sagen kannst, ob das Spiel in einer Band oder die Soloarbeit zufriedenstellender ist.

Nein, nicht wirklich. Ich bin in der glücklichen Position, beides tun zu können. So beanspruchen die beiden Formen mich auf musikalisch unterschiedliche Art und Weise. Beide Gelegenheiten dehnen sich aber auch in vielerlei Hinsicht aus. Es braucht oft eine Weile, aber es ist auch eine gute Position, in der ich mich befinde.

Du bist Vater von drei Jungen. Was würdest du sagen, wenn sie Musiker werden möchten? Würdest du sie darin bestärken?

Absolut, wenn es sich für sie wie ihre Bestimmung anfühlt. Keiner von ihnen hat bisher Interesse daran gezeigt – nach dem Motto: „Wenn dein Vater das macht, ist es uncool.“ (lacht)

Haben Deine Eltern dich dazu ermutigt, Musiker zu werden?

Sie waren sehr unterstützend. Ich denke, wenn man 17 ist und seinen Eltern erzählt, dass man in einer Band sein will – so wie bei mir – hätten sie kein Verständnis dafür, solange man nicht vorgibt, auch die universitären Perspektiven zu kennen. (lacht)

Ihr seid momentan mit Radiohead im Studio. Davon legst du eine Pause wegen deiner Tour ein. Ich muss das fragen: Wie laufen die Aufnahmen?

Sie liefen sehr gut. Wir haben Ende September angefangen, bis kurz vor Weihnachten. Eine produktive Zeit, eine Menge neuer Ideen, aber es ist noch nichts abgeschlossen. Es war wirklich gut, nachdem wir fast zwei Jahre Pause gemacht haben, nun wieder Zeit miteinander zu verbringen.

Du hast in einem anderen Interview gesagt, dass das beste Radiohead-Album noch rauskommen wird. Ich denke, dass ist sehr selbstbewusst. Brauchst du dieses Selbstvertrauen, diese Motivation? Muss es immer besser werden?

Ja, das muss es so oder so. Es ist vielmehr richtungsweisend. Wir haben mittlerweile so viel als Band gemacht und es ergibt nur Sinn, noch mehr zu machen, wenn man sich weiterentwickelt. Aber nagel mich nicht darauf fest, das habe ich nur dir verraten. (lacht)

Du hast mir erzählt, dass du eine Radiosendung zusammen mit Guy Garvey gemacht hast. Was für Musik habt Ihr gespielt?

Eine breite Mixtur von Rufus Thomas bis hin zu PJ Harvey und Parliament.

Hörst du zuhause Radio?

Ja, ich ziehe das Radio dem Fernseher vor. Es ist viel geselliger als Fernsehen und lässt viel mehr Raum für dich selbst. Und die Wahl einer guten Radiostation bringt dich zu Musik, von der du ansonsten vielleicht nicht erfahren hättest.

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