The Prodigy [c] Rovi

The Prodigy: Laut, dreckig und nicht von der Stange

The Prodigy setzen immer wieder Maßstäbe

Kaum eine andere Electro-Band hat mit ihren Werken derart massive Standards in Sachen aggressiver Tanzflächenkultur gesetzt wie The Prodigy. Auch 25 Jahre nach ihrer Gründung verteidigen sie mit „The Day Is My Enemy“ diesen Thron.

Seit 1990 am Start und kein bisschen leise. Die Briten The Prodigy gehören zu der seltenen Spezies elektronischer Künstler, die nur alle paar Jahre ein neues Album veröffentlichen und doch jedes Mal aufs Neue eine Benchmark setzen. Mit Leib, Herz und Seele den aggressiven, treibenden, erbarmungslosen und spannungsgeladenen Bass-Feuerwerken verschrieben, konnte sie die weltweite Rave-Gemeinschaft erstmals 1992 ein Bild von dem machen, was The Prodigy im Sinn hatten: eine allumfassende Eroberung der Clubkultur. Schon das Debüt „Experience“ war mehr als nur ein Achtungserfolg in der Acid-House- und Techno-Szene der frühen 90er, schon damals gelang dem gerade mal 21-jährigen Mastermind Liam Howlett das Kunststück, diverse Spielarten elektronischer Musik überzeugend in den nervösen Stücken zu vereinigen.

Wie The Prodigy binnen weniger Jahre vom gefeierten Underground-Techno-Geheimtipp zum weltweiten Massenphänomen aufsteigen konnten, ist bei aller musikalischer Raffinesse nicht ohne weiteres zu erklären. Fest steht: Keith Flint, den sich Howlett anfangs nur als Tänzer an Bord geholt hatte, schlüpfte mehr oder weniger zufällig in die Rolle des von den Ketten gelassenen Sängers, des Derwischs mit dem irren Blick und den Stachelhaaren – The Prodigy 2.0 waren geboren. Das war 1997, damals hatten die Engländer aus Essex mit „No Good“ schon einen gewaltigen Hit gelandet. Dennoch änderte sich in jenem Jahr alles. „The Fat Of The Land“ erschien, ein Album, das wie kein Electro-Werk vor ihm polarisierte, prägte und durch die Decke ging. Verschwunden waren die hochgepitchten Vocals, die Acid-House-Halluzinogene. Dieses dreiköpfige Biest, das sich da erhob, war ein unbezwingbarer Gegner geworden. „Smack My Bitch Up“ fegte durch die Clubs und erhitzte weltweit die Gemüter, „Breathe“ und „Firestarter“ gaben sich mit gewaltigen Break-Beats, verzerrten Gitarren und Flints diabolischen Botschaften ganz dem Soundexzess hin. Mit gewaltigem Erfolg: Kein Album wurde in jenem Jahr in England schneller verkauft, weltweit eroberte es die Pole Position der Charts.

Dieser Titel bringt in wenigen Worten auf den Punkt, worum es bei The Prodigy geht.

Wie die Band das angestellt hat, ist nur mit Liam Howletts unnachgiebiger Einstellung seiner Kunst und Trends gegenüber zu verstehen. „Unsere Alben sind oft eine Reaktion auf die Vorgänge in der elektronischen Musik“, sagt Howlett, der seine Karriere als DJ bei mehr oder minder legalen Strandpartys begann. „Ich möchte Musik schreiben, die bewusst einen weiten Bogen um alle gängigen Strömungen in der Dance-Musik macht und eher wie ein Schlag ins Gesicht ist. Laut, dreckig und nicht von der Stange.“ Dieses Credo haben sich The Prodigy bis heute beibehalten. Wenn sie etwas machen, machen sie es richtig. Ihre Bühnenshows sind bedrohliche Messen voller irisierender Stroboskop-Attacken, Nebel und vernichtenden Beats, ihre Werke stets zukunftsweisend und Exempel dafür, wie aggressiv und punkig Electro klingen kann.

Das braucht seine Zeit. Zudem sagt Howlett von sich, ein langsamer Songwriter zu sein, dessen oberstes Ziel es ist, „ein neues Album zu schreiben, das sich so stark wie möglich vom letzten unterscheidet und immer noch sofort nach The Prodigy klingt.“ Nach dem triumphalen Feldzug „Invaders Must Die“ 2009 vergingen diesmal sogar ganze sechs Jahre, bis uns das Trio mit „The Day Is My Enemy“ endlich ein neues Album beschert. Und wie immer hat sich das Warten gelohnt. Das sechste Werk der Briten ist ein Koloss von einem Album, der diesmal hin und wieder die Rave-Vergangenheit durchschimmern lässt und sich allgemein auf einen unbeschreiblich nach vorn drückenden, nächtlichen, hinterhältigen Sound konzentriert. „Die frühen Einflüsse haben den Grundstein für unseren Sound gelegt. Auch wenn sie heute keine allzu gewichtige Rolle mehr spielen, so haben sie doch einen festen Platz irgendwo in meinem Verstand“, erklärt der Bandkopf. „Ich bin sehr dankbar dafür, immerhin waren sie es, die uns hierher gebracht haben. Public Enemy, Rockmusik und Rave waren meine größten Inspirationen – daraus entstand der Sound, den wir heute noch spielen.“ Und zum ersten Mal in der langen Karriere ist diesmal bereits mit dem Albumtitel „The Day Is My Enemy“ alles gesagt. „Dieser Titel bringt in wenigen Worten auf den Punkt, worum es bei The Prodigy geht. Besser kann man es einfach nicht sagen.“ Und besser klingen kann es eh nicht.

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