Viet Cong: Kanadas englischste Band

Nach jeder Menge Vorschusslorbeeren beweisen Viet Cong auf ihrem Debüt, dass sie eigentlich noch viel mehr können. Der Beginn eines wichtigen Kapitels Post-Punk-Geschichte.

Hier ist man lieber gleich in der ersten Reihe. Nicht, dass es später wieder heißt, alle anderen hätten die Band zuerst entdeckt. Viet Cong sind das, was man ein echtes Phänomen nennt. Zunächst wurden sie als Nachfolgeband der leider aufgelösten Women begrüßt, erspielten sich in Calgarys Indie-Szene ab 2012 schon bald einen makellosen Ruf als etwas Neues, Aufregendes. Es folgte die EP „Cassette“, eine erste Fingerübung der verwaschen vor sich hin spielenden Post-Punk-Ästheten. Langsam bekam man auch in den USA und Europa von diesen vier unauffällig aussehenden Herren mit, sagte ihren Namen zunächst ehrfürchtig und leise, dann immer lauter und fordernder. Doch Viet Cong sind keine Band, an die man Erwartungen knüpfen darf. So funktionieren sie nicht. Sie existieren als Kollektiv, das sich im Proberaum wie auf der Bühne regelmäßig in eine andere Welt spielt. Mit Stücken, die einerseits düster, trist und bedrohlich, andererseits wohlig warm, einladend und merkwürdig euphorisierend wirken.

Viet Cong - Viet Cong (c) Rovi

Viet Cong (c) Rovi

Besonders deutlich wird das auf ihrem eigentlichen Debüt „Viet Cong“. Martialisch schabt da noch die Industrial-Patina im Intro „Newspaper Spoons“, lässt an die unerbittlichen Swans oder besonders schlechte Tage von Joy Division denken. Das bleibt nicht so, vom Nimbus des Ian Curtis und seiner vertonten Nebelbank können und wollen sich Viet Cong zumindest in Sachen Ausstrahlung und Farbgebung, allerdings auch beim schnoddrigen Gesang, nicht lösen. Grau statt bunt, das ist ihr Credo. Manchmal wird es besonders grau. Dann ist ihr aufreibender Post-Punk niederschmetternd wie ein aus dem Ruder gelaufener Trip. Halluzinogene Soundwände, die dunklen Bass ausschwitzen, während die Gitarren in bester englischer Tristesse das Lied vom Verfall anstimmen, das können Viet Cong gut.

Halluzinogene Soundwände, die dunklen Bass ausschwitzen, während die Gitarren in bester englischer Tristesse das Lied vom Verfall anstimmen.

Beschwörend und monoton sind viele zeitgenössische Post-Punk-Bands. Wenige ziehen diese vertonte Sogwirkung allerdings derart konsequent durch wie dieses Quartett. Und ausgerechnet in einem walzenden Stück wie „March Of Progress“ werfen sie dann die Beatles-Harmonien an, lassen eine Sitar ertönen und loben den Fortschritt. Das machen sie mit Vorliebe, diese unerschrockenen Kanadier: Genüsslich zerstückeln sie die Pop-Struktur eines Songs, machen ihn zu etwas Ernstem, Beißendem, Schlecht gelaunten und dennoch gefährlich euphorischen Etwas. Spätestens, wenn die treibende, regelrecht poppige Single „Silhouettes“ auf den überlangen Ausklang „Death“ trifft, der von psychedelischer Garage-Ekstase bis feiner Editors-Melancholie alles beinhaltet, was man in Sachen nonchalanter Nachdenklichkeit auftreiben konnte. Klarer Fall von akuter Legendenbildung also – und dafür, dass die Jungs noch nicht mal eine offizielle Facebook-Seite haben, zudem noch total Indie. Und plötzlich ist es gar nicht mehr so schlimm, dass es Women nicht mehr gibt.

Künstlerbild Viet Cong (c) Colin Way

Viet Cong (c) Colin Way

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