Robert Wyatt [c] Rovi

Robert Wyatt: Psychedelic-Rock-Legende wird 70!

Er brachte die Kunst, das Psychedelische und das Progressive in die englische Rock-Musik – Der große Visionär Robert Wyatt feiert seinen 70. Geburtstag.

Manchmal muss man es kurz und knapp sagen: Ohne Robert Wyatt hätte es Englands in den Sechzigern explodierende Psychedelic-Rock-Szene nicht gegeben. Mit seiner unschätzbar einflussreichen, aber paradoxerweise nie besonders erfolgreichen Band Soft Machine prägte er als singender Schlagzeuger die Canterbury-Szene und schwang sich zu einer der ganz frühen Stimmen britischer Psychedelik auf. Doch während Pink Floyd oder – außerhalb des Königreichs – Jimi Hendrix und Jefferson Airplane bahnbrechende Rekorde mit der leiernden Rauschhaftigkeit ihrer Rock-Interpretation einfuhren, blieb es verhältnismäßig ruhig um Soft Machine. Da half auch eine Tournee durch die Staaten mit Hendrix nichts – den Engländern ging es eher um eine stete Weiterentwicklung ihrer Musik, um das Einbeziehen von Jazz, Fusion und jeder Menge progressiver Elemente.

Soft Machine (c) Mark Elidge

Soft Machine (c) Mark Elidge

Vielleicht waren Soft Machine zu fortschrittlich, vielleicht zu verkopft. So oder so kam es nach chaotischen und exzessiven Tour-Erlebnissen zum Bruch zwischen Wyatt und Soft Machine, sein erstes Solo-Album „The End Of An Ear“ erschien allerdings noch vor der Trennung. Statt Orgeln und verspultem Psychedelic Rock regierte hier experimenteller Free Jazz, spätestens jetzt gab es für den Musiker kein Halten mehr. Ironische Randbemerkung: Obwohl aus musikalischer und avantgardistischer Sicht zweifellos ein Höhepunkt, bezeichnete Wyatt dieses erste Soloalbum in der Folgezeit gern als kindisch und unausgereift. Dies hing wohl damit zusammen, dass er am 1. Juli 1973 bei einer Party betrunken aus dem Fenster stürzte und fortan von der Hüfte abwärts gelähmt war. Ein einschneidendes Ereignis, das aus seinem nächsten, von Pink-Floyd-Drummer Nick Mason produzierten, Album „Rock Bottom“ sein erstes „erwachsenes“ Album machte, wie er sagt – entstanden in Trance im Krankenhaus.

Ohne Robert Wyatt hätte es Englands in den Sechzigern explodierende Psychedelic-Rock-Szene nicht gegeben.

Für viele ist „Rock Bottom“ das beste Rock-Album aller Zeiten, für Wyatt war es die wohl wichtigste Weiche seiner Karriere. Einschätzen konnte man den merkwürdigen Engländer aber auch danach nicht. Er landete respektable Chart-Hits mit Cover-Versionen, versuchte sich auf „Ruth Is Stranger Than Richard“ gemeinsam mit Brian Eno an Merkwürdigkeiten der englischen Musikgeschichte und lebte seine musikalischen Vorlieben zwischen Rock, Psychedelik, Jazz und Avantgarde immer voll aus. Schon 1981 steuerte er die Musik zur Tierschutz-Doku „The Animals Film“ bei, coverte politische Songs, versammelte einflussreiche Künstler auf seinen Werken und arbeitete mit Musikern wie Björk oder David Gilmour zusammen.

Rock Bottom - Robert Wyatt (c) Rovi

Rock Bottom (c) Rovi

Musikalisch aktiv ist der Canterbury-Veteran natürlich bis heute. Erst kürzlich erschien seine offizielle Biografie „Different Every Time“ und an seiner Arbeitsweise hat er auch mit 70 nichts geändert: Erlaubt ist, was gefällt, Kunst statt Kommerz, Schubladendenken völlig ausgeschlossen. Das hat ihn vielleicht nicht zum berühmtesten englischen Musiker gemacht. Aber zweifellos zu einem der wichtigsten. Und nicht zuletzt zu einem, dessen Nachname in England sogar zu einem Verb geworden ist: Mit „wyatting“ beschreibt man dort die hinterhältige Angewohnheit, absichtlich Songs in einer Jukebox auszuwählen, die die anderen Pub-Gäste belästigen. Hat auch nicht jeder geschafft.

WEITERE HINTERGRUND-STORIES: