Marilyn Manson (c) Rovi

Marilyn Manson: Zurück zu alter Stärke

Der einstige Bürgerschreck der Rockmusik zeigt sich gereift. Und spielt auf „The Pale Emperor“ seine wiedergefundenen Stärken konsequent und abgründig aus. Besser klang Marilyn Manson lange nicht! 

Es gab eine Zeit, da konnte es für Marilyn Manson nicht exzessiv, dekadent, nicht extrem genug sein. Verstörendes Styling, abgebrochene Konzerte, Affären, ausufernde Drogenpartys, Memorabilia zwischen Nazi-Gegenständen und morbiden Andenken, polarisierende Aussagen. Chaos regierte, die einen lagen ihm zu Füßen, die anderen wollten seinen Untergang. „Ich wollte etwas erschaffen, das Chaos erzeugt. Das ein Schisma kreiert, das wie ein Katalysator wirkt“, erzählt er uns beim Interview in einem Berliner Privatclub.

Der dritte Akt in einem Drama, das wollte er immer sein – die Katastrophe also, die über die Welt hereinbricht. Dafür brauchte er früher die lauten Töne, die grellen Farben. Heute nicht mehr. „The Pale Emperor“ zeigt einen Künstler, der erkannt hat, dass er mit Mitte 40 nicht mehr die Rolle des Bürgerschrecks spielen muss, dass er in seinem Leben genug schockiert hat.

Grautöne statt kunterbunte Horrorwelt, hypnotisierende, hörbar vom Blues inspirierte Rock-Klänge statt Hits für die Grufti-Disse – das neunte Studioalbum des Amerikaners ist eine Zäsur, eine Häutung. Nach Alben, die mehr und mehr an Bedeutung verloren und von vielen Kritikern zwar gelobt, aber von der Öffentlichkeit im Vergleich zu seinen Mega-Erfolgen wie „Antichrist Superstar“ oder „Holy Wood“ geradezu stiefmütterlich behandelt wurden.

Lange waren die Höllenhunde hinter mir her, doch mit diesem Album begleiche ich meine Schuld.

Mansons Erklärung mutet erstaunlich an: „Bei meinen letzten Werken war es mir unmöglich zu sagen, in welchen Akt ich mich gerade befinde. Das heißt nicht, dass ich sie nicht ausstehen kann, sie konnten aber nicht das ausdrücken, was ich eigentlich mit ihnen sagen wollte. Das lag am Absinth, den ich viel zu ausufernd konsumiert habe. Ich dachte, er macht mich kreativer, doch in Wirklichkeit führte er nur dazu, dass ich all die vielen Ideen nicht greifen konnte.“ Das schlug sich seiner Meinung nach in den Songs nieder. „Und ‚The Pale Emperor‘ ist in dieser Hinsicht ein Neuanfang. Der zweite Tag eins. Der Prozess wurde vom selben Gefühl durchweht, das die Anfänge meiner Karriere heraufbeschwor. Ich sage endlich wieder das, was ich sagen will.“

Marilyn Manson - Antichrist Superstar (c) 7 Digital

Antichrist Superstar (c) 7 Digital

Das sind düstere Themen, ohne jeden Zweifel. Allein, sie wirken reflektierter, persönlicher, ehrlicher. Und gerade deswegen in einem Song wie „The Mephistopheles Of Los Angeles“ geradezu verführerisch abgründig. So abgründig sogar wie schon lange nicht mehr. „The Pale Emperor“ ist die beeindruckende Essenz einer langen Karriere, das Freischwimmen nach einer Durststrecke. Und so ganz nebenbei die Erfüllung eines besonderen Paktes. „Ich machte vor langer Zeit einen Deal mit dem Teufel, hielt aber meinen Teil der Abmachung nie ein“, so Manson. „Lange waren die Höllenhunde hinter mir her, doch mit diesem Album begleiche ich meine Schuld.“ Und mal unter uns: Wenn der Gehörnte mit diesem Prachtwerk düsterer Rock-Musik nicht zufriedenzustellen ist, ist ihm auch nicht mehr zu helfen.

HÖR DOCH MAL REIN!

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