Mark Bell (LFO) on stage in Moscow (c) Timothy Misir

Nachruf: Mark Bell (LFO)

Anfang diesen Monats verstarb die britische Produzenten-Legende Mark Bell. Ganze Musikstile gründen sich auf seine gemeinsame Pionierarbeit mit LFO-Partner Gez Varley. Wir würdigen einen Mann, ohne den die Clubmusik heute nicht da wäre, wo sie ist.

Nachrufe sind oft auch ein Versuch, die Vergangenheit mit der Gegenwart zu versöhnen. Im Fall des kürzlich früh verstorbenen Musikproduzenten Mark Bell alias LFO ist das eigentlich gar nicht nötig. Denn er war bereits Zeit seines Lebens eine Legende. Der gebürtige Brite prägte die elektronische Clubmusik wie kaum ein anderer.

Die 1990 erschienene Single „LFO“ des gleichnamigen Duos, das Bell zwei Jahre zuvor zusammen mit Gez Varley gründete, war nichts anderes als eine Sternstunde der Clubmusik. Einen so gut ausproduzierten und gleichzeitig reduzierten Technobeat, gekoppelt mit der einprägsamen Melodie, hatte es zuvor nicht gegeben. „LFO“ wurde zum Track einer neuen Generation, die bereits von Acid House  geprägt war, aber längst auf der Suche nach einem neuen Sound war, wie etwa der britische Musikjournalist Joe Muggs in einem Nachruf jüngst schrieb.

Ein Stil, dessen ästhetische Nachbeben noch Jahre später zu spüren waren.

LFO waren Pioniere in zweifachem Sinne. Denn ihr gleichnamiger Track enthielt nicht nur einen der bis dato kompromisslosesten Subbässe, sondern schaffte es auch noch auf Platz zwölf der britischen Singlecharts – das ist heute, in einer generisch von Gesang dominierten Popmusik-Gegenwart, unvorstellbar. Ein Jahr später folgte 1991 mit dem Debütalbum „Frequencies“ eines der einflussreichsten Alben der Clubmusikgeschichte. Die darin verwendeten, als Bleeps bezeichneten Synthesizer-Töne brachten in Verbindung mit den ungewohnt tiefen Bässen mit Bleep Techno nicht weniger als einen neuen Musikstil hervor. Ein Stil, dessen ästhetische Nachbeben noch Jahre später zu spüren waren. Denn er bildete den Grundstein für UK Hardcore, einer Mischung aus Breakbeats und HipHop, aus dem dann Mitte der 90er-Jahre Jungle, Drum & Bass und zehn weitere Jahre später Grime und Dubstep entstand.

In dieser Hinsicht könnte der Name des Duos, das Fell ab 1996 solo weiterführte, nicht passender sein. Denn „Low Frequency Oscillation“ bezeichnet eine Technik, mit der Bassfrequenzen zum Schwingen gebracht werden – und die besonders heute, sei es im zeitgenössischen Post-Dubstep-Techno von Pinch & Mumdance oder in den stadiontauglichen EDM-Tracks von Skrillex, ihre Renaissance erleben.

Einem größeren Publikum wurde Fell schließlich durch die Zusammenarbeit mit der Popavantgardistin Björk bekannt. Für sie produzierte er 1997 das Album „Homogenic“ und schuf mit den großartigen Melodien und Klangtexturen die Basis für emotionale Allzweckwaffen wie den Song „Jóga“. Später folgte dann der Soundtrack für Björks „Dancer In The Dark“. 2001 produzierte Fell das Depeche-Mode-Album „Exciter„. Bis zuletzt war Mark Fell auch ein gefragter Livemusiker und spielte noch im September im Rahmen des 25-jährigen Geburtstags seines Labels Warp im polnischen Krakau. Letzte Woche ist Bell im Alter von 43 Jahren an den Folgen einer Operation gestorben.